Mechanismus-Dossier

Besatzungsverwaltung, Rassenrecht und Vertreibung

Wie Ministerien, Regionalbehörden und Kommunalämter NS-Rassenpolitik in Recht, Beschlagnahme, Vertreibung und alltägliche Herrschaft umsetzten.

Die Besatzung wurde ebenso durch Formulare, Verordnungen, Zuständigkeiten, Haushalte und Eigentumsakten wie durch Polizeigewalt aufrechterhalten. Ministerien in Berlin entwarfen Sonderrechtsordnungen. Regierungspräsidenten und Gouverneure in den Regionen erließen Anordnungen. Kommunalverwaltungen setzten Wohnraumübertragungen, Enteignungen, Arbeitszuweisungen und Dienstleistungen für segregierte Bezirke um.

Franz Schlegelbergers Justizministerium wirkte daran mit, für Polinnen und Polen sowie Jüdinnen und Juden in den annektierten Gebieten ein radikal ungleiches Strafrechtssystem zu schaffen, und ordnete die Rechtspraxis der Rassenpolitik unter. Friedrich Uebelhoers Anordnung zur Errichtung des Ghettos Łódź zeigt, wie ein Verwaltungsdokument den räumlichen Rahmen für Ausbeutung und Deportation schaffen konnte. Werner Ventzkis kommunale Laufbahn verdeutlicht, wie diese Politik in der Verwaltung einer besetzten Stadt fortgesetzt wurde.

Die Militärherrschaft bildete 1939 eine frühere Schicht. Walter Braemers Kommando in Bydgoszcz veranschaulicht Bekanntmachungen, Geiselmaßnahmen und Kollektivstrafen, bevor der Terrorapparat in dauerhaftere polizeiliche und zivile Strukturen überging. Die Profile sind durch ihre Funktion miteinander verbunden, verwischen aber nicht die Unterschiede zwischen ministerieller Rechtsetzung, regionaler Entscheidung, kommunaler Umsetzung und militärischem Kommando.

Die Kette

  1. 1ideologisches Ziel und ministerielle Regelung
  2. 2regionale Anordnung oder militärische Bekanntmachung
  3. 3Kommunalverwaltung und Eigentumsmaßnahme
  4. 4polizeiliche Durchsetzung, Vertreibung oder Einschließung
  5. 5rechtliche Bewertung nach 1945

Profile in diesem Mechanismus

Kreis VI

Franz Schlegelberger

Staatssekretär und kommissarischer Reichsjustizminister

lebenslange Freiheitsstrafe; 1951 entlassen

Kreis IV

Friedrich Uebelhoer

Regierungspräsident des Regierungsbezirks Kalisz und Urheber der Anordnung zur Errichtung des Ghettos Łódź

vermisst; später für tot erklärt

Kreis VI

Werner Ventzki

Oberbürgermeister des besetzten Łódź und Beamter der Verwaltung des Reichsgaus Wartheland

nie vor Gericht gestellt; setzte seine Verwaltungslaufbahn in der Bundesrepublik Deutschland fort

Kreis IV

Walter Braemer

Militärbefehlshaber von Bydgoszcz und eines rückwärtigen Militärbezirks im September 1939

interniert; wegen Bydgoszcz nie vor Gericht gestellt

Kreis VI

Heinz Auerswald

Kommissar für den jüdischen Wohnbezirk in Warschau

ermittelt, aber nie vor Gericht gestellt; 1970 gestorben

Kreis IV

Ernst Zörner

Gouverneur des Distrikts Lublin im Generalgouvernement

nach 1945 vermisst; 1960 gerichtlich für tot erklärt

Kreis VI

Werner Kampe

Kreisleiter der NSDAP und Stadtkommissar, später Oberbürgermeister des besetzten Bydgoszcz

nach dem Krieg Gegenstand von Ermittlungen; keine rechtskräftige Verurteilung in den genutzten Quellen feststellbar

Kreis VI

Walter Caspar Többens

deutscher Unternehmer, der Zwangsarbeit im Warschauer Ghetto und in Poniatowa ausbeutete

nach dem Krieg verurteilt, später als „Mitläufer“ eingestuft; 1954 gestorben

Kreis VI

Ernst Lautz

Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof in Berlin

zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; 1951 entlassen

Kreis VI

Günther Joël

Referent des Reichsjustizministeriums für Strafsachen, später Generalstaatsanwalt in Hamm

zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; 1951 entlassen

Kreis VI

Hellmuth Holland

Leiter der Deutschen Staatsanwaltschaft in Petrikau und Ankläger vor dem Sondergericht Petrikau

in Polen zweimal verurteilt; Gesamtstrafe von 8 Jahren; nach der Entlassung in der Justiz der Bundesrepublik tätig

Kreis VI

Gerhard Pchalek

Staatsanwalt bei den Sondergerichten Bielitz und Kattowitz sowie bei der Generalstaatsanwaltschaft am Oberlandesgericht Kattowitz

in der DDR zu 4 Jahren verurteilt; 1962 bedingt entlassen

Kreis V

Kurt Bode

Vorsitzender des Feldgerichts in den Prozessen gegen die Verteidiger der Polnischen Post, später Generalstaatsanwalt des Reichsgaus Danzig–Westpreußen

nicht verurteilt; Nachkriegskarriere in der Justiz der Bundesrepublik; 1979 gestorben

Kreis IV

Rudolf Creutz

Stellvertreter Ulrich Greifelts und Leiter der Amtsgruppe A im Stabshauptamt des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums

zu 15 Jahren verurteilt; Strafe herabgesetzt; 1951 entlassen

Kreis V

Fritz Schwalm

Hauptbeauftragter des RuSHA bei der Einwandererzentralstelle in Łódź, später Stabschef des RuSHA

zu 10 Jahren verurteilt; 1951 vorzeitig entlassen

Kreis VI

Friedrich Flick

Eigentümer und maßgeblicher Leiter des Flick-Konzerns, eines der wichtigsten Schwerindustrie- und Rüstungskomplexe des Reiches

zu 7 Jahren verurteilt; 1950 vorzeitig entlassen

Einstiegsquellen

Jedes verlinkte Profil nennt seine eigene Quellengrundlage und deren Grenzen. Diese Quellen führen in den Mechanismus als Ganzes ein.