Deutschsprachige quellengebundene Ausgabe
Anton Brunner
Anton Brunner war Leiter der „Kommissionierungen“ in Wiener Sammellagern und Mitarbeiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, bezeichnet als „Brunner II“. Das Profil rekonstruiert Funktion und Handlungsspielraum im dokumentierten Tätigkeitsgebiet (Wien · Prag · Budapest · Auschwitz) anhand des Amtes, von Entscheidungen, Aufsicht oder operativem Handeln. Es schreibt nicht sämtliche Verbrechen einer Institution oder Region einer einzelnen Person zu.
Gesicherte Befunde
- Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und Forschungen der Universität Wien bestätigen, dass Anton Brunner – „Brunner II“, eine andere Person als Alois Brunner – seit 1939 in der Wiener Zentralstelle für jüdische Auswanderung arbeitete.
- Von Mitte 1941 bis März 1943 leitete er mindestens 48 „Kommissionierungen“ in den Wiener Sammellagern: Er entschied über die Aufnahme in Transporte, nahm Dokumente ab und wirkte am Verfahren zur Einziehung des Vermögens mit; Aussagen Überlebender dokumentierten zudem Demütigungen und Schläge gegen Deportierte.
- Das Inventar der Akten des Volksgerichts Wien beschreibt ihn als einen für die Organisation der Deportation von etwa 48 Tausend Menschen aus Wien nach Auschwitz, Riga, Minsk und Theresienstadt verantwortlichen Mitarbeiter. Diese Zahl betrifft den Prozessumfang und das Deportationssystem, nicht individuell ausgeführte Tötungen.
- Das Volksgericht Wien verurteilte Anton Brunner am 10. Mai 1946 zum Tode; das Urteil wurde am 24. Mai 1946 vollstreckt.
Stellung in der Verantwortungskette
Anton Brunner veranschaulicht das administrativ-gewaltsame Glied der Deportationen vor dem Transport in Ghettos und Vernichtungszentren, darunter in das besetzte Polen. Seine Rolle war nicht rein bürokratisch: Sie umfasste die Auswahl von Menschen, die Abnahme von Dokumenten und Vermögen sowie Gewalt in Sammellagern. Zugleich darf er weder mit Alois Brunner verwechselt noch dürfen ihm sämtliche Operationen dieses Vorgesetzten zugeschrieben werden.
Zentrale Ereignisse und Mechanismen
- Aufnahme der Tätigkeit in der Wiener Zentralstelle für jüdische Auswanderung 1939
- Leitung der „Kommissionierungen“ vor Deportationen von Mitte 1941 bis März 1943
- Versetzung in das Judenreferat in Prag im März 1943
- Dienst im Sonderkommando Eichmann in Budapest 1944
- Prozess vor dem Volksgericht Wien und Todesurteil am 10. Mai 1946
Der Kreis beschreibt Macht, Funktion und Handlungsmacht. Mehrere Profile können verschiedene Teile derselben Verfolgungskette erfassen; Opferzahlen auf Profilebene dürfen daher nicht addiert werden.
Aufarbeitung nach 1945
Nach dem Krieg wurde er festgenommen und vor dem Volksgericht Wien auf der Grundlage umfangreichen Materials, darunter Aussagen Überlebender und Unterlagen zu den „Kommissionierungen“, angeklagt. Am 10. Mai 1946 wurde er zum Tode verurteilt und am 24. Mai 1946 durch Erhängen hingerichtet.
Grenzen der Quellenlage
Anton Brunner („Brunner II“, 1898–1946) ist nicht Alois Brunner („Brunner I“, 1912–wahrscheinlich 2001/2010). Zwei Studien der Universität Wien nennen unterschiedliche Geburtstage – den 8. März oder den 8. August 1898 –, weshalb der kanonische Datensatz nur das sichere Jahr enthält. Die Prozessformel über die Verantwortung für etwa 48 Tausend Deportierte beschreibt seine Beteiligung am Deportationsapparat und bedeutet nicht, dass er alle Opfer persönlich getötet habe. Die Rollenfamilie „ss_police“ beschreibt die institutionelle Unterordnung der Zentralstelle unter Eichmanns Referat; die Quellen weisen darauf hin, dass Brunner selbst kein SS-Mitglied war.
Quellen
Die Quellengrundlage verbindet institutionelles, archivalisches, prozessbezogenes oder wissenschaftliches Material von mindestens zwei unabhängigen Herausgebern.