Mechanismus-Dossier
Ghettoisierung, Deportation und Auflösung
Die Verwaltungs- und Polizeikette hinter Ghettoisierung, Isolation, Deportation und der Verbindung besetzter Städte mit Vernichtungsstätten.
Ein Ghetto entstand nicht allein durch eine Mauer. Am Anfang standen Anordnungen, die ein Gebiet, die von der Zwangsumsiedlung betroffenen Menschen, Fristen, Eigentumsregelungen und die polizeiliche Durchsetzung festlegten. Zivilverwaltung, kommunale Ämter und Sicherheitspolizei hielten die Isolierung anschließend durch Passierscheine, Arbeitsvorschriften, Rationierung, Beschlagnahmen und Strafen aufrecht.
Eine Deportation erforderte eine weitere Kette: Listen und Selektionen, Sammelplätze, Wachmannschaften, Rollmaterial, Fahrpläne, Abstimmung mit dem Zielort und die Beschlagnahme des zurückgelassenen Eigentums. Die Sprache des Transports verschleierte das beabsichtigte Ergebnis. In Łódź verbanden Deportationen das Ghetto mit der Vernichtungsstätte Chełmno. In Warschau, Lublin und Białystok verknüpften Stabsoffiziere und spezialisierte Polizeieinheiten örtliche Operationen mit dem umfassenderen Apparat der Aktion Reinhardt.
Diese Seiten stellen keine Dienststelle als Urheberin jeder einzelnen Stufe dar. Friedrich Uebelhoers Gründungsanordnung, Werner Ventzkis kommunale Verwaltung, Heinz Auerswalds alltägliche Regulierung des Ghettos, Otto Bradfischs Polizeiführung und Georg Michalsens mobile Deportationstätigkeit gehören zu unterschiedlichen Teilen desselben Prozesses. Erst in der Zusammenschau wird die Kette sichtbar.
Die Kette
- 1Verwaltungsanordnung und räumliche Isolierung
- 2alltägliche Regulierung, Zwangsarbeit und Entzug der Lebensgrundlagen
- 3Selektion, Sammlung und Transportplanung
- 4polizeiliche Bewachung und Deportation
- 5Vernichtungsstätte oder Ort von Massenerschießungen
Profile in diesem Mechanismus
Kreis IV
Friedrich Uebelhoer
Regierungspräsident des Regierungsbezirks Kalisz und Urheber der Anordnung zur Errichtung des Ghettos Łódź
vermisst; später für tot erklärtKreis VI
Werner Ventzki
Oberbürgermeister des besetzten Łódź und Beamter der Verwaltung des Reichsgaus Wartheland
nie vor Gericht gestellt; setzte seine Verwaltungslaufbahn in der Bundesrepublik Deutschland fortKreis VI
Heinz Auerswald
Kommissar für den jüdischen Wohnbezirk in Warschau
ermittelt, aber nie vor Gericht gestellt; 1970 gestorbenKreis V
Otto Bradfisch
Leiter der Staatspolizeistelle Litzmannstadt (Łódź) und ehemaliger Führer des Einsatzkommandos 8
verurteilt; 1969 entlassenKreis VI
Günter Fuchs
Leiter des für Judenangelegenheiten zuständigen Referats II B der Gestapo in Łódź
1963 zu lebenslanger Haft verurteiltKreis VI
Hermann Worthoff
Leiter des Judenreferats der Gestapo in Lublin und Führer eines Liquidierungskommandos
1975 zu acht Jahren Haft verurteiltKreis V
Georg Michalsen
Stabsoffizier der Aktion Reinhardt, beteiligt an Deportationen aus Warschau und Białystok
zwölf Jahre Freiheitsstrafe; 1979 entlassenKreis VI
Fritz Gustav Friedel
Leiter des Judenreferats der Gestapo in Białystok
zum Tode verurteilt; 1952 hingerichtetKreis V
Karl Streibel
Kommandant des SS-Ausbildungslagers Trawniki
1976 in Hamburg freigesprochen; 1986 gestorbenKreis IV
Ernst Zörner
Gouverneur des Distrikts Lublin im Generalgouvernement
nach 1945 vermisst; 1960 gerichtlich für tot erklärtKreis V
Gottlieb Hering
Kommandant des deutschen Vernichtungslagers Bełżec
1945 vor einem Strafverfahren gestorbenKreis VI
Johann Niemann
stellvertretender Kommandant des deutschen Vernichtungslagers Sobibór
1943 während des Aufstands der Gefangenen in Sobibór getötetKreis VI
Erich Fuchs
Techniker der „Aktion T4“ und der „Aktion Reinhardt“, verbunden mit dem Einbau von Vergasungsanlagen
1966 in Hagen zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; 1980 gestorbenKreis V
Heinz Errelis
Leiter der dem KdS Białystok unterstellten Gestapo-Außenstelle in Grodno
in der Bundesrepublik wegen Beihilfe zu Deportationen zu 6 Jahren und 6 Monaten verurteilt; in einem gesonderten Verfahren freigesprochenKreis V
Wilhelm Haase
Stabschef des SS- und Polizeiführers im Distrikt Krakau, beteiligt an Planung und Führung von Deportationsaktionen
in Polen zum Tode verurteilt; am 23. Mai 1952 hingerichtetKreis V
Helmut Tanzmann
Leiter der Gestapo in Danzig, anschließend Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) in Lemberg
am 6. März 1946 in britischer Internierung durch Suizid gestorben; nicht vor Gericht gestelltKreis V
Peter Leideritz
Leiter der Außenstelle der Sicherheitspolizei und des SD in Kołomyja
in Polen zum Tode verurteilt; am 22. Februar 1949 hingerichtetKreis VII
Josef Bürger
Beamter der Gestapo-Außenstelle in Radzyń, zuständig für Angelegenheiten des Ghettos Łuków
in der Bundesrepublik wegen zehn Morden zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt; 1986 gestorbenKreis V
Anton Brunner
Leiter der „Kommissionierungen“ in Wiener Sammellagern und Mitarbeiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, bezeichnet als „Brunner II“
vom Volksgericht Wien zum Tode verurteilt; am 24. Mai 1946 hingerichtetKreis VII
Julius Wohlauf
Kompaniechef der 1. Kompanie und stellvertretender Kommandeur des Reserve-Polizei-Bataillons 101
in der Bundesrepublik zu 8 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; 2002 gestorbenKreis VII
Hartwig Gnade
Kompaniechef der 2. Kompanie des Reserve-Polizei-Bataillons 101
weiteres Schicksal ungeklärt; nicht vor Gericht gestelltKreis VII
Wolfgang Hoffmann
Kompaniechef der 3. Kompanie des Reserve-Polizei-Bataillons 101
nach erneuter Verhandlung in der Bundesrepublik rechtskräftig zu 4 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; 1989 gestorbenEinstiegsquellen
Jedes verlinkte Profil nennt seine eigene Quellengrundlage und deren Grenzen. Diese Quellen führen in den Mechanismus als Ganzes ein.