Mechanismus-Dossier

Regionale Gestapo, Sicherheitspolizei und SD

Wie Gestapo, Sicherheitspolizei, SD und mobile Mordkommandos zentrale Politik mit Verhaftungen, Deportationen und Hinrichtungen im besetzten Polen verbanden.

Die deutsche Besatzung wurde nicht von einer einzigen Polizeizentrale gesteuert. Mobile Einsatzgruppen folgten 1939 der Wehrmacht nach Polen; anschließend errichteten ständige Dienststellen der Sicherheitspolizei und des SD regionale Systeme der Überwachung, Verhaftung, Vernehmung und Hinrichtung. Außendienststellen meldeten nach oben und arbeiteten zugleich mit Zivilverwaltungen, Gefängnissen, Eisenbahnstellen und örtlichen deutschen Behörden zusammen.

Die Verantwortung eines Befehlshabers muss auf der richtigen Ebene rekonstruiert werden. Der Leiter einer regionalen Dienststelle konnte Prioritäten genehmigen, Personal zuweisen und untergeordnete Stellen beaufsichtigen, ohne persönlich an jeder Verhaftung teilzunehmen. Abteilungs- und Referatsleiter überführten diese Prioritäten in Listen, Transporte und Einsätze vor Ort. Einzelne Beamte und Wachleute übten die Gewalt am Tatort aus. Das Archiv wahrt diese Unterscheidungen und zeigt zugleich, dass die Ebenen einen gemeinsamen Apparat bildeten.

Die folgenden Profile zeigen unterschiedliche Übergänge: von einem Einsatzkommando zur Gestapo in Poznań, von der Dienststellenleitung in Łódź zu einem Fachreferat für Judenangelegenheiten und von regionaler Polizeigewalt in Kraków zur Vernichtung des dortigen Ghettos. Ebenso wichtig sind die Nachkriegsverfahren, weil sie erkennen lassen, wie Gerichte versuchten – oftmals unzureichend –, individuelle Verantwortung innerhalb einer großen Bürokratie zuzuordnen.

Warschau ergänzt aufeinanderfolgende und sich überschneidende Ebenen von Sicherheitspolizei und SD. Josef Meisinger, Ludwig Hahn und Walter Stamm erschließen zu verschiedenen Zeitpunkten Führung, Gefängnisaufsicht und Exekution, während Alfred Spilker ein spezialisiertes polizeiliches Glied bei der Selektion zur Exekution darstellt. Seine vor dem Aufstand tätige Nachrichtendienststelle und das spätere Sonderkommando bleiben getrennt, weil die Belege keine automatische Übertragung von Handlungen erlauben.

Die Kette

  1. 1zentrale Rassen- und Sicherheitspolitik
  2. 2regionaler Befehlshaber und Prioritäten der Dienststelle
  3. 3Fachreferat, Außendienststelle oder mobile Einheit
  4. 4Verhaftung, Vernehmung, Deportation oder Hinrichtung
  5. 5Ermittlung, Prozess oder Ausbleiben einer Strafverfolgung

Profile in diesem Mechanismus

Kreis V

Helmut Bischoff

Führer des Einsatzkommandos 1/IV und Leiter der Gestapo in Poznań

keine rechtskräftige Verurteilung

Kreis V

Max Grosskopf

Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD im Distrikt Krakau

1945 durch Suizid gestorben; nie vor Gericht gestellt

Kreis V

Otto Bradfisch

Leiter der Staatspolizeistelle Litzmannstadt (Łódź) und ehemaliger Führer des Einsatzkommandos 8

verurteilt; 1969 entlassen

Kreis VI

Günter Fuchs

Leiter des für Judenangelegenheiten zuständigen Referats II B der Gestapo in Łódź

1963 zu lebenslanger Haft verurteilt

Kreis V

Hans Krüger

Leiter der Dienststelle der Sicherheitspolizei in Stanisławów

lebenslange Freiheitsstrafe; 1986 entlassen

Kreis VI

Jakob Lölgen

Führer des Teilkommandos Bydgoszcz des Einsatzkommandos 16

1966 freigesprochen

Kreis V

Josef Meisinger

Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD im Distrikt Warschau

zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet

Kreis V

Ludwig Hahn

Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD zunächst im Distrikt Krakau, anschließend im Distrikt Warschau

in der Bundesrepublik in getrennten Verfahren verurteilt; keine vollständige juristische Aufarbeitung

Kreis V

Walter Stamm

Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in Warschau sowie Vorgesetzter des Gefängnis- und Exekutionsapparats

für seine Tätigkeit in Warschau nicht rechtskräftig verurteilt

Kreis VI

Alfred Spilker

Kommandeur des Sonderkommandos Spilker in Warschau

1945 gestorben; nicht vor Gericht gestellt

Kreis V

Wilhelm Altenloh

Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) im Bezirk Białystok

in der Bundesrepublik verurteilt; 1985 gestorben

Kreis VI

Fritz Gustav Friedel

Leiter des Judenreferats der Gestapo in Białystok

zum Tode verurteilt; 1952 hingerichtet

Kreis V

Robert Schefe

Kommandeur des Einsatzkommandos 2/V 1939, anschließend Leiter der Gestapo in Łódź

gegen Kriegsende vermisst; später mit Todesdatum 1945 für tot erklärt; nach dem Krieg nicht angeklagt

Kreis V

Heinrich Hamann

Leiter des Grenzpolizeikommissariats, einer Außenstelle von Sipo und SD, in Nowy Sącz

zu lebenslanger Haft verurteilt; aus gesundheitlichen Gründen entlassen

Kreis VI

Wilhelm Rosenbaum

Kommandant der Schule der Sicherheitspolizei und des SD in Rabka

zu lebenslanger Haft verurteilt; später bedingt entlassen

Kreis V

Johannes Thümmler

Kommandeur der Sicherheitspolizei in Kattowitz und Vorsitzender des im Konzentrationslager Auschwitz tagenden Polizeistandgerichts

mehrfach Gegenstand von Ermittlungen; nicht rechtskräftig verurteilt; 2002 gestorben

Kreis V

Fritz Liphardt

Kommandeur des Einsatzkommandos 2/III im Jahr 1939, anschließend Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) im Distrikt Radom

1947 vor einem Prozess in polnischer Haft gestorben; als offizielle Todesursache wurde Suizid angegeben

Kreis VI

Waldemar Macholl

Grenzpolizeikommissar in Suwałki, anschließend Leiter des Referats IV A-3 der Gestapo in Białystok zur Bekämpfung des Widerstands

in Polen zum Tode verurteilt; am 15. Juli 1949 hingerichtet

Kreis V

Heinz Errelis

Leiter der dem KdS Białystok unterstellten Gestapo-Außenstelle in Grodno

in der Bundesrepublik wegen Beihilfe zu Deportationen zu 6 Jahren und 6 Monaten verurteilt; in einem gesonderten Verfahren freigesprochen

Kreis V

Wilhelm Haase

Stabschef des SS- und Polizeiführers im Distrikt Krakau, beteiligt an Planung und Führung von Deportationsaktionen

in Polen zum Tode verurteilt; am 23. Mai 1952 hingerichtet

Kreis IV

Walther Bierkamp

Kommandeur der Einsatzgruppe D, anschließend Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) im Generalgouvernement

am 15. Mai 1945 durch Suizid gestorben; nicht vor Gericht gestellt

Kreis V

Helmut Tanzmann

Leiter der Gestapo in Danzig, anschließend Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) in Lemberg

am 6. März 1946 in britischer Internierung durch Suizid gestorben; nicht vor Gericht gestellt

Kreis V

Peter Leideritz

Leiter der Außenstelle der Sicherheitspolizei und des SD in Kołomyja

in Polen zum Tode verurteilt; am 22. Februar 1949 hingerichtet

Kreis VII

Josef Bürger

Beamter der Gestapo-Außenstelle in Radzyń, zuständig für Angelegenheiten des Ghettos Łuków

in der Bundesrepublik wegen zehn Morden zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt; 1986 gestorben

Kreis V

Anton Brunner

Leiter der „Kommissionierungen“ in Wiener Sammellagern und Mitarbeiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, bezeichnet als „Brunner II“

vom Volksgericht Wien zum Tode verurteilt; am 24. Mai 1946 hingerichtet

Einstiegsquellen

Jedes verlinkte Profil nennt seine eigene Quellengrundlage und deren Grenzen. Diese Quellen führen in den Mechanismus als Ganzes ein.